Buchtipp

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Der Begriff Enkulturation ist ein Kompositum aus dem griechischen Präfix en „in“ und dem lateinischen Substantiv cultura „Bearbeitung, Pflege“ (vgl. Walz 2010, 8) und meint in diesem Kontext alles, was kultiviert, also durch Menschen beeinflusst ist (vgl. Pohl 2008, 9). Einzuordnen ist die Theorie der Enkulturation in die Soziologie und Anthropologie, wobei eine eindeutige Zuordnung in wissenschaftliche Kategorien ebenso schwierig ist wie eine allgemeingültige Begriffsdefinition.

Definition

Toaspern konstatiert 1971, dass eine Festlegung und Abgrenzung des Begriffs Enkulturation kaum möglich ist und es verschiedener Auffassungen bedarf, um ihn umreißen zu können (vgl. Toaspern 1971, 37). Diese Auffassungen beschreiben Enkulturation in unterschiedlichster Art und Weise: als „(Erfahrungs-)Prozess des automatischen Hineinwachsens in die jeweilige Kultur durch die selbstverständliche und unreflektierte Übernahme von Denk- und Handlungsmustern“ (Carlsburg 2011, 29), als „kulturelle Bildung“ (Wurzbacher 1963, 14) oder als „gruppen- [so]wie personenspezifische Aneignung und Verinnerlichung von Erfahrungen, »Gütern«, Maßstäben und Symbolen der Kultur zur Erhaltung, Entfaltung und Sinndeutung der eigenen wie der Gruppenexistenz.“ (Wurzbacher 1963, 14)

Enkulturation als Teil der Sozialisation

Trotz dieser Vielfalt haben alle Definitionen gemeinsam, dass sie in erster Linie Formen der kindlichen und jugendlichen Kulturaneignung beschreiben und somit Enkulturation definieren. Demnach ist Enkulturation untrennbar mit der Sozialisation verbunden, also der „Gesamtheit aller Lernprozesse […], die aus der wechselseitigen diskursiven Kommunikation des Menschen mit seiner Umwelt resultieren“ (Carlsburg 2011, 29). Auch Claessens beschreibt Enkulturation als Teil des Sozialisationsprozesses und untergliedert diesen zum einen in den Teilbereich der Soziabilisierung, womit die emotionale Fundierung, die Vermittlung grundlegender Weltanforderungen und eine primäre soziale Fixierung gemeint ist. Zum anderen verknüpft er ihn mit der Enkulturation, die sich durch die Eltern-Kind-Auseinandersetzung, Familienmilieus und die sekundäre soziale Fixierung auszeichnet (vgl. Claessens 1962, 23).

Enkulturation als Sozialisationsprozess

Deutlich wird bei den vorgestellten Definitionen, dass Enkulturation als eigenständiger Prozess angesehen wird, der jedoch immer ein Teil der Sozialisation ist. Es wird davon ausgegangen, dass dies ein lebenslanger Prozess ist, der, beeinflusst von verschiedenen Faktoren und Instanzen, mit der Geburt beginnt und persönlichkeits- und kulturbestimmend wirkt (vgl. Claessens 1962, 100; vgl. Toaspern 1971, 36).

Der Beginn der Enkulturation mit der Geburt wird so beschrieben, dass der neugeborene Mensch in ein Milieu eintaucht, in dem eine bestimmte Kultur das Wesen prägt und es von Anfang an in bestimmte Muster zwängt (vgl. Claessens 1962, 100). Diese frühe Enkulturation wird weiter durch verschiedene Instanzen vertieft und modifiziert.

Familie, Schule und Peer-Group

Die erste und auch wichtigste Instanz ist die Familie, durch die das Kind eine rudimentäre Ich-Identität aufbaut. Als Fundament der weiteren Entwicklung des Kindes ist diese Phase eng mit der Enkulturation verknüpft und bildet die Grundlage für diese. Darüber hinaus muss das elterliche Verhalten und das anderer Enkulturatoren immer im Kontext der kulturellen Prägung betrachtet werden (vgl. Carlsburg 2011, 30). Eine Trennung von Enkulturation und Erziehung ist notwendig, da Erziehung eine Verhaltensbeeinflussung und -änderung zum Ziel hat, während Enkulturation beiläufig geschieht (vgl. Carlsburg 2011, 31).

Die Schule übernimmt ebenfalls eine Sozialisations- und Enkulturationsfunktion, indem sie auf die mündige Teilhabe in der Gesellschaft vorbereitet und eine systematische Unterweisung in die Kulturtechniken bietet. Weitere Funktionen sind beispielsweise die Bildungsfunktion und die Erziehungsfunktion (vgl. Carlsburg 2011, 33).

Die dritte und letzte Sozialisationsinstanz sind die Peer-Groups. Im Vergleich zur Interaktion mit Erwachsenen erlauben diese größere Freiräume im symmetrischen Verhältnis der Kinder und Jugendlichen untereinander. In dieser Instanz kann es zu Konflikten mit bestehenden Normen und Werten kommen, wodurch auch hier eine neue Qualität der Enkulturation zu finden ist (vgl. Carlsburg 2011, 36).

Ziele und Wechselwirkungen

Diese Sozialisations- und Enkulturationsinstanzen machen deutlich, wie auf verschiedenen Ebenen Denk- und Handlungsmuster unbewusst übernommen werden können. Dabei ist die Persönlichkeitsentwicklung, die durch Enkulturation sowie Bildungs- und Erziehungsprozesse geprägt ist, als Ziel der Sozialisation zu verstehen.

Diese Prozesse stehen in enger Wechselbeziehung, da sie „eine bedeutungsvolle Hilfe für das Hineinwachsen in die jeweilige Kultur darstellen und gleichzeitig selbst kulturell gefärbt“ (Carlsburg 2011, 35) sind.

Auch im Kontext der interkulturellen Begegnungen wird der Enkulturation eine entscheidende Bedeutung zugeschrieben: dann, wenn verschiedene Kulturen aufeinander treffen und durch Akkulturation ein Veränderungsprozess der Enkulturation von Gruppen und Individuen stattfindet (vgl. Carlsburg 2011, 38).

 

Literatur

Carlsburg, Gerd-Bodo von (2011): Enkulturation durch sozialen Kompetenzerwerb. Frankfurt: Peter Lang.

Claessens, Dieter (1962): Familie und Wertsystem. Eine Studie zur „zweiten, sozio- kulturellen Geburt“ des Menschen. Berlin: Duncker & Humblot.

Pohl, Reinhard (2011): Interkulturelle Kompetenz. In: Pohl, Reinhard (Hrsg.): Deutschland und die Welt. Kiel: Magazin.

Toaspern, Horst (1971): Der Kulturaneignungsprozess. Auch ein Beitrag zur Politischen Soziologie. Stuttgart: Ferdinand Enke.

Walz, Hans (2010): Integration, Assimilation, Akkulturation, Akkomodation, Enkulturation. Grundbegriffe des Migrationsgeschehens: https://www.akademie-rs.de/fileadmin/user_upload/pdf_archive/barwig/2010_ORWO/Walz_Migration_-_Grundbegriffe_…27.10.2010.pdf [23.06.2018].

Wurzbacher, Gerhard (1963): Sozialisation – Enkulturation – Personalisation. In: Wurzbacher, Gerhard (Hrsg.): Der Mensch als soziales und personales Wesen. Beiträge zu Begriff und Theorie der Sozialisation aus der Sicht von Soziologie, Psychologie, Arbeitswissenschaft, Medizin, Pädagogik, Sozialarbeit, Kriminologie, Politologie. Stuttgart: Ferdinand Enke.

 

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