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Hassliebe Trump

Egomane. Narziß. Sexist. Lügner und Betrüger. Rassist. Psychopath. Diese Liste ist unvollständig. Schmeichelhafter wird es indes nicht werden. Nicht nur die deutsche Presse titelt seit Trumps Amtsantritt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika mit starken Worten. Trump ist der Dämon. Und all die andern – nach dieser Logik – Heilige? Das ist ein bemerkenswertes Narrativ.

Neben vielen Ferndiagnosen zu mentaler Schwäche, psychischen Deformationen und körperlichen Gebrechen erfahren wir auch allerhand Illustres über Trumps Haarfärbemittel, seine angeblichen Eheprobleme mit Melania und Beziehungen zur Mafia. Ach ja, und pleite ist Trump natürlich auch. Dies alles liest man nicht etwa nur in der BILD, sondern auch in FAZ, SZ und NZZ – im Spiegel sowieso. 

3. Weltkrieg

Was ist geschehen? Man könnte meinen, der 3. Weltkrieg sei ausgebrochen. Oder stehe kurz bevor. Ein Irrer an der Spitze der letzten Supermacht. Die Welt: am Abgrund. Nur all den Mahn- und Warnrufen, den Stimmen der Vernunft ist es zu verdanken, dass wir (bisher) vor dem Schlimmsten bewahrt wurden. Wie konnte es so weit kommen? Angeblich haben die sog. angry white men Trump ins Amt verholfen: alte weiße Männer, sozial abgehängte, dumme Looser. Wie passt diese Zahl dazu: 42% der Wählerinnen stimmten für Trump.

4. Gewalt

Welche Rolle spielt die Medienlandschaft? Zweifellos sind wir bei unserer Meinungsbildung angewiesen auf das, was uns die Medien berichten. Was können wir sicher wissen von all dem, was geschrieben und berichtet wird? Die öffentlichen Medien werden auch als 4. Gewalt bezeichnet. Gleichwohl: Es handelt sich um eine Gewalt, die Geld verdienen muss, indem sie Nachrichten verkauft – welche Nachrichten verkaufen sich gut? Was wissen wir tatsächlich über die komplexen Zusammenhänge dieser Welt? Was wissen wir von Amerika, was von Trump? Verstehen wir Amerika? Und: Wer versteht Deutschland, wer Europa? Und was ist mit Asien, Südamerika und Afrika? Welche Perspektive haben Menschen dieser Länder auf das Weltgeschehen? Brauchen wir nicht eine viel stärkere multiperspektive Haltung?

Wahrheit

Keine Angst vor der Wahrheit ist das journalistische Motto eines bekannten deutschen Nachrichtenmagazins. Welche Wahrheit ist hier eigentlich gemeint? Heinz von Foerster, berühmter Denker des 20. Jahrhunderts, berichtet von einer Begegnung mit Journalisten, auf deren Kongress er eine Rede halten sollte: „Say it, as it is“ stand am Eingang des Kongresssaals: Sag es so, wie es tatsächlich ist. Von Foerster begann seine Rede damit zu sagen, dass dieser Spruch ja ganz falsch sei. Er müsse richtig heißen: „Say it, as you see it.“ Die Gastgeber – man kann es sich denken – waren not amused über diese kritische Haltung zum journalistischen Geltungsanspruch (vermeintlicher) Objektivität. Nietzsche schreibt: „Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“ Und noch radikaler: „Jedes Wort ist ein Vorurteil.“ Vor diesem Hintergrund darf man die Frage stellen: Was ist unsere Selbstgewissheit wert?    

Friedensnobelpreis

Wir reiben uns verwundert die Augen, wenn wir lesen: Der südkoreanische Präsident schlägt Donald Trump für den Friedensnobelpreis vor. Bitte? Der kann ja nur verrückt sein, oder nicht? Barack Obama hat ihn auch bekommen – wofür eigentlich? Was hat sich in den letzten zehn Jahren zum Guten verändert in der Welt? Das Konfliktbarometer für das Jahr 2017 (letzter Stand) zeigt eine steigende Zahl an Kriegen weltweit. Wer hat die Kriege begonnen, an denen die USA beteiligt sind? Trump hat noch keinen begonnen – stattdessen zieht er amerikanische Truppen zunehmend zurück. Merkwürdig.  

Guantanamo

Wer erinnert sich noch an Guantanamo? Das berüchtigte Gefangenenlager sollte unter Obama geschlossen werden. Das war ein Wahlkampfversprechen. Das Foltergefängnis hat zwei Amtszeiten Obamas überlebt. Es existiert noch heute. Noch weiter zurück: Erinnert sich noch jemand an eine junge Frau namens Lewinsky? Ja, da war doch was – mit dem Demokraten Clinton. Der war auch mal Präsident der USA und ist (noch) Ehemann der Trump-Konkurrentin Hillary. Und: Wie gehen wir eigentlich mit eigenen Skandalen um? Stichwort Diesel. Außenpolitik diente immer schon als willkommenes Betätigungsfeld zur Ablenkung von innenpolitischen Schwierigkeiten – das ist nicht nur deutsche Tradition. 

Alle lieben Trump

Was sagt Nietzsche, der große Menschenkenner, zu all dem: „Man hasst nicht, so lange man noch gering schätzt, sondern erst, wenn man gleich oder höher schätzt.“ Wie wäre es also mit diesem Narrativ: Trump: ein Macher. Der starke Mann. Die kleinen und die großen Leute, Arbeiter, Angestellte, Unternehmer, Medienmacher und Politiker: Sie alle lieben Trump. Und hassen ihn. Sie beneiden ihn. Bestaunen und bewundern ihn. Sie verachten ihn. Wofür? Dass er ihnen so ähnlich ist. Und: dass er besser ist. Dass er so ist, wie sie auch gern wären, es aber nicht sein dürfen.

Wortgewitter

Der Mann sitzt in seinem Tower und twittert, nein: wortgewittert fleißig in die Welt. Eine verbale Urgewalt. Er wettert gegen Einwanderer (und wird von ihnen gewählt!). Poltert gegen unfaire Handelspraktiken, erschüttert das internationale Sicherheitsgefüge, zerschlägt diplomatisches Porzellan, schürt Nationalismus. Kurz: Er hält, was er im Wahlkampf versprochen hat – die nationale Wirtschaft stärken, illegale Immigration eindämmen – America first! Trump spielt nach ganz eigenen Regeln – und weiß dabei 59,69 Millionen Wähler hinter sich. Sein Tun ist in der Tat unkonventionell: Peking, Jerusalem, Berlin – die Welt horcht auf. 

Trump steht in einer langen Tradition der deutschen Hassliebe zu den USA. Mit Trump ist uns Amerika so nah wie schon lange nicht mehr. Dürften wir doch so sein, wie er. Wir dürfen aber nicht. Also hassen wir ihn – obwohl wir ihn lieben? 

 

Mehr zum Thema

In der WELT ist dieser bemerkenswerte Beitrag zu lesen: Wenn deutsche Medien über Trump schreiben, denke ich an die DDR: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article175886239/Es-ist-eine-GroKo-Tag-45-Wenn-deutsche-Medien-ueber-Trump-schreiben-denke-ich-an-die-DDR.html

Trumps Sprache aus der Perspektive einer Sprachwissenschaftlerin

Moralismus mit totalitären Zügen: http://www.deutschlandfunk.de/lust-an-der-empoerung-moralismus-mit-totalitaeren-zuegen.886.de.html?dram%3Aarticle_id=399565

Zur Wirkung sprachlicher Etiketten: https://www.hyperkulturell.de/und-nun-kultur/ 

Buchtipp: Die Beobachtung des Beobachter https://www.carl-auer.de/programm/artikel/titel/die-beobachtung-des-beobachters/ 

Zum Selbstbild von Medienmachern: Dinge zeigen, wie sie wirklich sind https://uebermedien.de/27672/funke-will-weiter-wolf-bleiben-aber-fuer-schaf-gehalten-werden/ 

Die deutsche Lust am Niedergang: https://www.nzz.ch/meinung/die-deutsche-lust-am-niedergang-ld.1354598

 

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