Ballroom Culture ist eine Bewegung der US-amerikanischen queeren Szene, die sich in den 1970er und 80er Jahren aus den ursprĂŒnglichen ‚Drag Balls‘ (=Travestie-Shows) in New York City entwickelt hat (Vgl. Weems 2008, 88). Die ersten Drag Balls gab es im New Yorker Stadtteil Harlem im spĂ€ten 19. Jahrhundert (Vgl. Pearlman et al. 2014, 545). Bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erfreuten sie sich in vielen amerikanischen GroßstĂ€dten einer zunehmenden PopularitĂ€t, die bis heute anhĂ€lt. Einer der Austragungsorte war der weltbe­kannte Madison Square Garden* in New York City (Vgl. Weems 2008, 86; Vgl. Beemyn 2014, 504). Aufgrund des zunehmenden Konservatismus wĂ€hrend und nach dem 2. Weltkrieg wur­den diese ursprĂŒnglichen Drag Balls verboten, doch die queere Untergrund­szene veranstal­tete weiterhin ZusammenkĂŒnfte dieser Art im privaten Raum, aus denen Ende der 1960er Jahre die Ballroom Culture entstand (Vgl. Weems 2008, 88f.).

 

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Internationale Bekanntheit

In den 1980er und 90er Jahren breitete sich die New Yorker Ballroom Culture auf andere große US-Metropolen aus und erreichte durch Jennie Livingstons Dokumentation Paris Is Burning (1990) sowie Madonnas Hit-Song Vogue (1990) den Mainstream und somit interna­tionale Bekanntheit (Vgl. Beemyn 2014, 514f.). Im Unterschied zu den Drag Balls, welche sich vornehmlich an Schönheitswettbewerben orientieren und primĂ€r homosexuellen MĂ€nnern eine Plattform fĂŒr ihre Travestiekunst bieten, richtet sich die Ballroom Culture an eine breitere Masse queerer Menschen und bietet insbesondere BlBOC die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Performance-Kategorien zu re­prĂ€sentieren (Vgl. ebd.; Beemyn, 514f.). Hauptziel dieser Wettbewerbe ist es, sich mit grĂ¶ĂŸtmög­licher ‚Realness‘ (Überzeugungskraft) in den jeweiligen Kategorien darzustellen. Dabei wird oftmals mit Gender Subversion gespielt. Bewertet werden die Wettbewerbe durch eine Jury, die zumeist aus respektierten Mitgliedern der Szene besteht (Vgl. Pearlman 2014, 545f.). Teil­nehmer*innen laufen dabei einen sogenannten Runway in der gewĂ€hlten Kategorie und prÀ­sentieren sich zumeist im ‚Voguing‘ (Vgl. Weems 208, 88). Die Wettbewerbe im Rahmen der BĂ€lle haben aber auch politische Bedeutung, da die Teilnehmer*innen durch ihren Auftritt die Geschlechterrollen performativ als Konstrukt entlarven (Vgl. Bailey 2011, 366). Auch gehören Parodien und Perso­nifizierungen zum wesentlichen Bestandteil dieser BĂ€lle (Vgl. Pearlman 2014, 545f.). Innerhalb der Ballroom Culture werden (Geschlechts-)IdentitĂ€tszuschreibungen also als formbar und verĂ€nderbar aufgefasst, wodurch sich ihren Mitgliedern die Möglichkeit bietet, sich von heteronormativen Vorstellung­en zu befreien und ihre ‚Queerness‘ in einem sicheren Raum auszuleben und zu zelebrieren (Vgl. Bailey 2011, 369f.). Dabei beschrĂ€nkt sich die Ballroom Culture nicht nur auf das Ausrichten und die Teilnahme an diesen BĂ€llen, sondern bringt ebenso ‚Houses‘ hervor, in denen sich die Teilnehmenden organisieren (Vgl. ebd., 367).

Houses

Die sogenannten ‚Houses‘ bieten Mitgliedern der Ballroom Szene ein familiĂ€res Netzwerk außerhalb ihrer biologischen Ursprungsfamilie, zu der sie oftmals aufgrund ihrer Queerness kein oder ein schlechtes VerhĂ€ltnis haben (Vgl. Pearlman 2014, 545). Die ‚MĂŒtter‘ oder ‚VĂ€ter‘ dieser Houses sind zumeist respektierte, mehrfache Gewinner*innen von BĂ€llen und gleichzeitig Namensgeber*innen ihrer HĂ€user, wobei ebenfalls große Designerlabels oder symboltrĂ€chtige Begriffe als Bezeichnungen fungieren (Vgl. Bailey 2011, 367). Auch wenn diese Houses in den meisten FĂ€llen nicht mit einem physischen Zuhause gleichzusetzen sind, bieten sie ihren ‚Kin­dern‘ dennoch eine familiĂ€re Struktur, eine Anlaufstelle und ein Hilfsnetzwerk (Vgl. ebd.). Ne­ben der sozialen Struktur kommt den HĂ€usern die Aufgabe zuteil, BĂ€lle und Wett­bewerbe zu organisieren und an ihnen teilzunehmen (Vgl. ebd., 368). Es ist Aufgabe der ‚Hauseltern‘, ihre Zöglinge heranzuziehen und auf die Wettbewerbe vorzubereiten, sodass sie erfolgreich fĂŒr ihr House antreten können (Vgl. ebd.; Beemyn 2014, 514f.). Ballroom Culture

Voguing

Die Urform des ‚Voguing‘ stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist nunmehr fester Bestandteil der Wettbewerbe der Ballroom Culture (Vgl. Pearlman 2014, 545). Als Voguing wird ein Tanzstil verstanden, der sich der glamourösen Posen der Modemagazine – insbeson­dere und daher namensgebend aus der Vogue – bedient (Vgl. Haider 2018). Innerhalb der Ballroom Culture wird Voguing als eine raffinierte Art des Straßenkampfes verstanden, bei der die Person mit der besten Choreografie gewinnt (Vgl. Paris Is Burning 1990, [35:55-37:07]). Generell wird unter drei Subkategorien des Voguings unterschieden:

  1. Old Way: bezeichnet die Ursprungsform, die durch „kantige Bewegungen“ erkenntlich ist.
  2. New Way: bezieht „akrobatische Formen“ mit ein.
  3. Vogue Femme: stellt eine „fast hysterische Weiblich­keit“ dar. (Aha 2016)

In der breiten Masse wurde Voguing durch Madonnas welt­bekanntes Musikvideo bekannt, fĂŒr das sie speziell TĂ€nzer*innen der Ballroom Szene gecastet hatte (Vgl. ebd.).

Die deutsche Ballroom Culture

Insbesondere durch o.g. Erzeugnisse der Popkultur erlangte die Ballroom Culture einen grĂ¶ĂŸeren Bekanntheitsgrad. Auch aktuelle Produktionen wie RuPaul’s Drag Race (World of Wonder, Start 2009) oder Pose (FX Productions, Start 2018) sowie die sozialen Medien unterstĂŒtzen die Verbreitung der subkulturellen Bewegung, wodurch sie international adaptiert wird (Vgl. Haider 2018). 2011 grĂŒndete Georgina Leo Melody das erste deutsche House in DĂŒsseldorf (‚House of Melody‘) und rief 2012 in Berlin das ‚Voguing Out Festival‘ ins Leben, das den US-amerikanischen Balls Ă€hnelt (Vgl. Wiedemann 2019). Im Gegensatz zum US-amerik­anischen Vorbild ist die deutsche Ballroom Szene nicht exklusiv der queeren Community vorbehalten, sondern auch fĂŒr Cis-Personen zugĂ€nglich (Vgl. Aha 2016).

*Der Madison Square Garden ist eine berĂŒhmte Mehrzweckarena in New York City. Sie liegt im Stadtteil Manhattan und wurde 1968 eröffnet. Der Garden, wie er oft genannt wird, beherbergt Sportveranstaltungen, Konzerte, Shows und andere Events. Er ist die HeimspielstĂ€tte der New York Knicks (NBA) und der New York Rangers (NHL). Mit seiner architektonisch markanten Form und einer SitzplatzkapazitĂ€t von bis zu 20.000 Zuschauern ist der Madison Square Garden ein Wahrzeichen der Stadt und eine der beliebtesten Veranstaltungsorte fĂŒr Unterhaltung in den USA.

 

Hier geht es zum Überblick aller Lexikonartikel


 

Literatur

Aha, L. (2016): Ballroom Culture im Berliner HAU. She’s a pretty boy. https://taz.de/Ball­roomCulture-im-Berliner-HAU/!5354047/ [02.09.2020].

Bailey, M. (2011): Gender/Racial Realness: Theorizing the Gender System in Ballroom Cul­ture. In: Feminist Studies 37(2), 365-386.

Beemyn, G. (2014): US History. In: Erickson-Schroth, Laura (Hg.): Trans Bodies, Trans Selve. A Ressource for the Transgender Community. Oxford, New York: Oxford University Press, 501-536.

Haider, A. (2018): How Drag Balls Went Mainstream. https://www.bbc.com/cul­ture/article/20180810-drag-balls-the-glamorous-performances-thatmean-resistance [02.09.2020].

Livingston, J. (Dir.) (1990): Paris Is Burning. Off-White Productions.

Pearlman, L. et al. (2014): Arts and Culture. Erickson-Schroth, Laura (Hg.): Trans Bodies, Trans Selve. A Ressource for the Transgender Community. Oxford, New York: Oxford Univer­sity Press, 537-566.

Weems, M. (2008): The Fierce Tribe. Masculine Identity and Performance in the Circuit. Utah State: University Press.

https://www.vfmk.org/books/whos-afraid-of-stardust

Ballroom Culture: Alle Infos ĂŒber die Bewegung | FOCUS.de

 

Transkript zum ErklÀrfilm

Ballroom Culture ist eine Bewegung der amerikanischen queeren Szene, die aus der Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft entstanden ist. Sie umfasst BĂ€lle, bei denen queere Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammenkommen und gemeinsam Wettbewerbe veranstalten. In diesen Wettbewerben laufen einzelne Mitglieder der Szene einen Laufsteg entlang und bieten dabei eine Performance, um die Jury von sich zu ĂŒberzeugen. Die Ballroom-Wettbewerbe sind auch politisch-kulturell bedeutsam, da sie Geschlechterrollen als Konstrukt entlarfen und Queerness zelebrieren. Die Mitglieder der Ballroom Szene schaffen sich außerdem ein familiĂ€res Netzwerk, in welchem sie UnterstĂŒtzung finden.

 

Eine wahre interkulturelle Begebenheit wird in dem Buch Intercultural stories: Menschliche Begegnungen aus aller Welt – lustig, lehrreich, lebensecht von Benjamin Haag geschildert:  

Hochziehen oder rotzen

Als ich vor einigen Jahren fĂŒr ein paar Monate zu Besuch bei meiner Tante in SĂŁo Paulo war, besuchten wir gemeinsam das japanische Viertel Liberdade. Wir wollten dort einige Freunde meiner Tante treffen, die aus Japan stammen und nun in Brasilien wohnen.

Aufgrund der hohen Abgasbelastung in der Luft der brasilianischen Megacity hatte ich einen gewissen nasalen Schleimfluss und musste mir oft die Nase putzen. Ich tat dies mithilfe herkömmlicher PapiertaschentĂŒcher.

Als wir die kleine Gruppe Freunde trafen, begrĂŒĂŸten alle meine Tante sehr herzlich. KĂŒsse und Umarmungen wurden ausgetauscht, auch HĂ€nde wurden geschĂŒttelt. Ich hingegen wurde zwar von jedem Ă€ußerst freundlich angelĂ€chelt und auch, soweit ich das beurteilen konnte, mit freundlichen Worten begrĂŒĂŸt, aber niemand gab mir die Hand, obwohl ich sie jedem zum Handschlag entgegenstreckte. Es schaute auch niemand meine Hand an. Dies wunderte mich stark, denn auch meiner Tante war die Hand gegeben worden. Deshalb dachte ich, meine Geste sei einfach ĂŒbersehen worden. Etwa eine Stunde zogen wir daraufhin zusammen durch das Viertel und meine Tante ĂŒbersetzte fleißig, was mir ihre Freunde ĂŒber die Geschichte von Liberdade erzĂ€hlten. Als wir uns verabschiedeten, versuchte ich es noch einmal mit der HĂ€ndeschĂŒttelei, aber wieder regierte niemand auf meine Geste. Ich fragte nicht nach.

Erst als meine Tante und ich auf dem Heimweg waren, fragte ich sie, was es mit der Sache auf sich hatte. Meine Tante lachte und erklĂ€rte mir dann, dass es bei Japanern (oder zumindest bei Teilen der in Liberdade lebenden Japanern) nicht ĂŒblich sei, PapiertaschentĂŒcher zu benutzen und dass dies als unhygienisch und eklig gelte. „Entweder hochziehen oder direkt in den Pulloverkragen rotzen“, bemerkte meine Tante trocken. Auch, dass mich niemand darauf hingewiesen hatte, ĂŒberraschte meine Tante nicht.

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