Othering

Der Begriff Othering kann vom englischen Wort other „andersartig“ abgeleitet werden und erhĂ€lt durch die Endung -ing seinen aktiv handelnden Charakter. Ins Deutsche könnte er mit „Jemanden anders(artig) machen“ ĂŒbersetzt werden. Auch wird in der Literatur von „Veranderung“ beziehungsweise „Fremd-Machung“ gesprochen.

Das ‚Eigene‘ und das ‚Fremde‘

Der Ausdruck beschreibt einen konstruierten Prozess, der Menschen als ‚Andere‘ bestimmt, die es von einem eigenen ‚Wir‘ zu unterscheiden und abzugrenzen gilt. WĂ€hrend das eigene soziale Image verstĂ€rkt positiv hervorgehoben wird, wird gleichzeitig jemand als ‚fremd‘ oder ‚andersartig‘ klassifiziert. Eine dichotome Differenzierung und sogar Distanzierung zu anderen Menschen findet statt, um die eigene ‚NormalitĂ€t‘ zu bestĂ€tigen. Über die externe Zuschreibung von Minderwertigkeit wird die eigens in Anspruch genommene Überlegenheit gestĂ€rkt. Diese hĂ€ufig auch biologistische Argumentation bezieht sich jedoch nicht nur auf die soziale Stellung von Menschen in der Gesellschaft. Auch Klassenzugehörigkeit, Glaubensvorstellungen, EthnizitĂ€t, SexualitĂ€t, Geschlecht und NationalitĂ€t sind mögliche Kategorien.

Macht definiert Zugehörigkeit

So beschreibt Riegel das binĂ€re VerhĂ€ltnis als ein hegemoniales: „Unter ‚Konstruktionen von Anderen‘ werden, mit Bezug auf postkoloniale Theorien und die Cultural Studies, soziale Prozesse, ReprĂ€sentationen, Diskurse und Praxen verstanden, durch die vor der Folie einer selbstverstĂ€ndlichen, wirkungsmĂ€chtigen NormalitĂ€t sozial bedeutsame Differenzen und Grenzziehungen hergestellt und Menschen zu Anderen, Nicht-Zugehörigen gemacht werden. Sie werden dabei einer hegemonialen Differenzordnung unterworfen und bekommen eine inferiore Position zugewiesen“ (Riegel 2016, 8).

Philosophische Wurzeln

Bereits Hegel beschÀftigte sich in seiner PhÀnomenologie des Geistes (1807) mit der Frage, wie die Wahrnehmung des Selbst mit der Konstruktion und Abgrenzung zum Anderen zusammenhÀngt. Auch Beauvoir beeinflusste mit ihrem Konzept der AlteritÀt vor allem gesellschaftliche Geschlechterdiskurse. Den Begriff Othering prÀgte spÀter die Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak.

 

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Literatur

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Mecheril, Paul (2009): „Diversity“. Differenzordnungen und Modi ihrer VerknĂŒpfung. https://heimatkunde.boell.de/2008/07/01/diversity-differenzordnungen-und-modi-ihrer-verknuepfung [23.04.2018].

Riegel, Christine (2016): Bildung, IntersektionalitĂ€t, Othering. PĂ€dagogisches Handeln in widersprĂŒchlichen VerhĂ€ltnissen. Bielefeld: Transcript.

Spivak, Gayatri Chakravorty (1985): The Rani of Simur. An Essay in Reading the Archives. In: Barker, Francis et al. (Hrsg.): Europe and its Others. Colchester: University of Essex, 128–151.

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Wahre interkulturelle Begebenheiten werden in dem Buch Intercultural stories: Menschliche Begegnungen aus aller Welt – lustig, lehrreich, lebensecht von Benjamin Haag geschildert:  

Totentanz

Anfang dieses Jahres kam ein Freund bei einem Unfall ums Leben. UngefĂ€hr zwei Wochen spĂ€ter fand die Trauerfeier und die Beerdigung statt. Da sein Herkunftsland Kenia war, waren hauptsĂ€chlich Kenianer anwesend. Ein Freund und ich kamen in Hemd und Sakko und setzten uns in eine freie Reihe. Beim Umschauen fiel uns auf, dass wir fast die einzigen speziell angezogenen GĂ€ste waren. Kurz darauf begann die Trauerfeier. Anfangs sprach wie von uns erwartet ein Priester auf Englisch. Anschließend ließen einige Freunde des Verstorbenen Anekdoten aus seinem Leben verlauten und wĂŒnschten der Familie Kraft. Danach kam es zu einem seltsamen, aber erfreulichen Bruch.

Ein Buffet wurde aufgebaut, Freundinnen begannen eine Tanzchoreographie und andere fingen an, Lieder zu singen. So wurde man fast gezwungen, die Trauer hinter sich zu lassen. Lachende Frauen forderten uns auf, Essen und GetrÀnke zu nehmen, was wir dann auch taten. Als wir einige Zeit spÀter unsere Sachen packten, um die Trauerfeier zu verlassen, tanzten und sangen immer noch einige GÀste, andere packten sich Essen in Alufolien ein oder unterhielten sich. Die fröhliche Feier klang so langsam aus.

Matemahl

In den Semesterferien 2009 absolvierte ich mein zweites Schulpraktikum an einer deutschen Schule in Argentinien. Hier arbeiteten zum grĂ¶ĂŸten Teil argentinische Lehrer, aber auch deutschstĂ€mmige, die zwar in Argentinien aufwuchsen, deren Eltern oder Großeltern aber aus Deutschland kamen. In Argentinien wurde viel Matetee getrunken. Das Besondere dabei war, dass es so etwas wie ein Gruppenritual darstellte. Alle Menschen tranken gemeinsam einen Matetee aus demselben GefĂ€ĂŸ, der Kalebasse und benutzten denselben Strohhalm. Es gab immer eine Art Gastgeber, der den Matetee wieder neu aufgoss und das GefĂ€ĂŸ herumreichte. Auch im Lehrerzimmer der Schule wurde das GetrĂ€nk gemeinsam eingenommen.

Eines Morgens saß ich vor Unterrichtsbeginn im Lehrerzimmer und beobachtete das Ritual erstmalig unter Kollegen (ich wusste, dass Freunde zusammen Mate tranken, aber dass auch Kollegen denselben Strohhalm teilten, war mir nicht bewusst). Das TrinkgefĂ€ĂŸ ging reihum und ich muss zugeben, dass ich etwas angewidert von dem Ritual war, da es fĂŒr mich nicht vorstellbar war, an demselben Strohhalm zu trinken wie Arbeitskollegen, denen man eigentlich nicht so nah ist wie Freunden. WĂ€hrend ich das Geschehen beobachtete, bekam ich Angst, dass sie mir das GetrĂ€nk anbieten wĂŒrden und ich dann aus Höflichkeit an dem Strohhalm ziehen mĂŒsste. Doch dies trat nicht ein, das GefĂ€ĂŸ ging umher und wurde mir nicht gereicht, was mich wiederum nachdenklich stimmte.

Raste und faste

FĂŒr meine RĂŒckreise von Malaysia/Indonesien hatte ich einen Zwischenstopp in Dubai eingeplant. Der Aufenthalt sollte ca. 15 Stunden dauern. Ich wusste, dass zu diesem Zeitpunkt Ramadan war. In Malaysia war das relativ unproblematisch fĂŒr mich als Touristin. Das einzige, was ich als ein wenig einschrĂ€nkend empfand, war, dass wĂ€hrend lĂ€ngerer Busfahrten nach Sonnenuntergang immer eine sehr lange Pause eingelegt wurde, damit die Reisenden und der Busfahrer essen konnten. Die Pausen wurden nicht in die Gesamtdauer der Busfahrt eingerechnet und man kam sehr oft Stunden spĂ€ter an als geplant, aber das war fĂŒr mich eigentlich kein Problem. In Dubai allerdings fĂŒhlte ich mich in meinen Rechten stark beschrĂ€nkt. Als wir den Flughafen verließen und den Metrobereich betraten, fielen schon die BroschĂŒren auf, die darĂŒber informierten, wie man sich in der Metro zu verhalten habe, was man dĂŒrfe und was nicht und wie hoch die Strafen bei Nichtbeachtung der Regeln seien.

Irgendwann landeten wir in der Dubai Mall, was eigentlich erfreulich sein sollte, da wir langsam Durst und Hunger bekamen. Doch die AushĂ€nge in der Mall verhießen nichts Gutes: „Dear Visitors, in respect of the holy month of Ramadan, the consumption of food and beverages until sunset is prohibited by LAW within the premises of The Dubai Mall.“ Sollte das bedeuten, dass ich auch nichts trinken durfte? Ich als westlicher Tourist? Wir sondierten weiter die Lage und dachten zunĂ€chst, dass diese Regeln nur fĂŒr die Mall gelten wĂŒrden. Also ĂŒberlegten wir uns, einfach etwas zu essen und zu trinken zu kaufen, um uns dann draußen damit hinzusetzen. Wir gingen zum Foodcourt, wo alle StĂ€nde und LĂ€den auf den ersten Blick geschlossen wirkten. Bei genauerem Hinsehen bemerkten wir, dass einige LĂ€den geöffnet waren, nur das Essen komplett verdeckt war. Wir gingen zu einem Sandwichladen und fragten, ob wir was bestellen könnten. Wir konnten.

Als wir dann bezahlten fragte ich, wo denn der nĂ€chste Ausgang aus der Mall sei und wo man sich draußen hinsetzen könne, um zu essen. Daraufhin schaute mich die Angestellte sehr verwirrt an. Man dĂŒrfe nirgendwo essen und trinken. So schaute ich verwirrt. Nirgendwo? Daraufhin erklĂ€rte sie mir, dass der einzige Ort, an dem man essen könne, die eigene Unterkunft, also das Hotel sei. Ich erklĂ€rte, dass ich eine Tagestouristin sei und keine Unterkunft hĂ€tte. Sie konnte mir nicht weiterhelfen. Ich fragte noch eine andere Person, da ich das kaum glauben konnte, aber auch diese bestĂ€tigte die Aussage.

Also entschlossen wir uns, nach draußen zu gehen und in einer geheimen Ecke unser Essen und Trinken herunterzuschlingen. Dabei bedachten wir nicht, dass es in der Retorte Dubai schwierig war, eine geheime Ecke zu finden. Bei ĂŒber 40 Grad saßen wir dann irgendwann auf einer Bank, einer schaute nach links, der andere nach rechts (eine hohe Geldstrafe wollten wir schließlich vermeiden) und begannen, aus unseren RucksĂ€cken zu essen und zu trinken. Dabei beobachteten wir die Bauarbeiter, die bei sengender Hitze auf der Baustelle schufteten und bestimmt auch nichts trinken durften.

Tip

Als ich mit drei Freunden im Urlaub auf Lanzarote war, gingen wir eines Abends in einem Restaurant essen. Da wir in einem spanischsprachigen Land waren, bemĂŒhten wir uns, Spanisch zu sprechen – auch wenn unsere Spanischkenntnisse sehr begrenzt waren. Eine Freundin wollte ein großes Wasser fĂŒr alle zusammen bestellen. Der Kellner guckte uns etwas skeptisch an, nickte dann aber und ging zum KĂŒhlschrank. ZurĂŒck kam er mit einer großen Flasche Bier, stellte sie in die Mitte und gab jedem ein Bierglas. Er guckte abwartend. Wir verstanden nicht, was vor sich ging. Wir hatten doch Wasser bestellt. Brachte er uns Bier, weil wir Deutsche waren? Hatte sich das Klischee der biertrinkenden Deutschen schon bis Lanzarote seinen Weg gesucht? Als wir so verdutzt die Flasche anschauten, fragte er, ob alles nach unseren WĂŒnschen sei. Wir wiederholten auf Spanisch, dass wir doch ein Wasser bestellt hĂ€tten (wieder mit der Verwendung der falschen Vokabel, die Bier bedeutete) und deuteten auf die Wasserflasche eines Nachbartisches. Der Kellner erklĂ€rte uns ganz freundlich unser VokabelmissverstĂ€ndnis und brachte uns schließlich unsere Flasche Wasser.

Als wir mit dem Essen fertig waren, kramten wir wieder in unserem Spanischvokabular und baten nach der Rechnung. Der Kellner fing an zu lachen und wiederholte das spanische Wort fĂŒr Rechnung, was auf Lanzarote jedoch Strafzettel bedeutete, wie er uns gestenreich verstĂ€ndlich machte. Als das geklĂ€rt war, bekamen wir unsere Rechnung, bezahlten, legten Trinkgeld dazu und kassierten mal wieder einen schrĂ€gen Blick. Er wollte uns unbedingt unser Trinkgeld zurĂŒckgeben und wir wollten ihm unbedingt verdeutlichen, dass das Trinkgeld und schon okay so sei.

Erst einige Wochen spĂ€ter fanden wir heraus, dass man auf Lanzarote wohl nur ca. 50 Cent Trinkgeld gibt. Wir rechneten brav die 10% aus und rundeten noch etwas auf, sodass wir um die 8 Euro Trinkgeld dort ließen.

27. November 2017

Othering

Der Begriff Othering kann vom englischen Wort other „andersartig“ abgeleitet werden und erhĂ€lt durch die Endung -ing seinen aktiv handelnden Charakter. Ins Deutsche könnte er mit [
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