Die Begriffe emisch vs. etisch stammen ursprĂŒnglich aus der Ethnolinguistik. Sie beschreiben zwei gegensĂ€tzliche, wissenschaftlich-methodische Forschungsperspektiven. Auch in den Sozialwissenschaften und der kulturvergleichenden sowie interkulturellen Forschung können die WissenschaftlerInnen emisch oder etisch vorgehen.

Außen- und Innenperspektive

Die emische Perspektive basiert auf einer kulturangepassten Innensicht – es wird versucht, die PhĂ€nomene mit den Augen der Betroffenen zu betrachten und damit das geisteswissenschaftliche Ideal der ‚PerspektivitĂ€t‘ zu schaffen. Der emische Ansatz beabsichtigt, die funktional relevanten Aspekte innerhalb einer Kultur aufzudecken.

Beim etischen Ansatz hingegen nehmen die ForscherInnen einen Standpunkt außerhalb der untersuchten Kultur ein und versuchen, dem naturwissenschaftlichen Ideal der ‚ObjektivitĂ€t‘ zu entsprechen. Auf diese Weise sollen universal gĂŒltige VergleichsmaßstĂ€be gefunden werden (vgl. Helfrich-Hölter 2013, 27).

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die DatenschutzerklÀrung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Zur Entstehung der Begrifflichkeiten

Die beiden Begriffe wurden zum ersten Mal vom amerikanischen Linguisten und Anthropologen Kenneth Pike in seinem Buch Language in Relation to a Unified Theory of the Structure of Human Behavior (1967) verwendet. Die deutschen Wörter emisch und etisch wurden von den englischen Begriffen emic und etic abgeleitet. Diese stammen aus der Linguistik – die Phonetik beschreibt Lautmerkmale, mit denen sich der Lautbestand aller Sprachen beschreiben lĂ€sst, die Phonemik identifiziert diejenigen Lautmerkmale, die innerhalb der untersuchten Sprache zur Bedeutungsdifferenzierung beitragen. SpĂ€ter wurde das Begriffspaar von Harris aufgegriffen und modifiziert.

Das Ziel des etischen Ansatz besteht darin, zu untersuchen, welchen Einfluss die Kultur auf individuelles Handeln und Denken hat. Sie wird als ‚unabhĂ€ngige‘ Variable z. B. in Form von Schulbedingungen oder Erziehungsstilen betrachtet, welche die ‚abhĂ€ngigen‘ Variablen (Lernen, Handeln) beeinflusst.

Nach dem emischen Ansatz aber ist Kultur ein innerhalb vom Individuum liegender Faktor, d. h. ein fester Bestandteil des menschlichen Denkens und Handelns.

Unterschiede der Vorgehensweisen

Die beiden Vorgehensweisen lassen sich auch auf GrĂŒnde und Ursachen fĂŒr bestimmte Handlungen beziehen. Die Ursachen des Handelns mĂŒssen dem Betroffenen nicht unbedingt bewusst sein und können so aus der etischen Perspektive untersucht werden. Werden hingegen die GrĂŒnde fĂŒr das eigene Handeln und Denken vom Betroffenen selbst erklĂ€rt, forscht er aus der emischen Perspektive.

Lohmeier fĂŒhrt folgendes Beispiel fĂŒr den emischen Ansatz an: ein katholischer Nordire, der Troubles in seinem Heimatland untersucht und zum erforschten Feld gehört. Im Gegensatz dazu wĂ€re eine protestantische Norddeutsche, die ein Ă€hnliches Projekt in einer katholisch geprĂ€gten Stadt in Nordirland durchfĂŒhrt, ein Beispiel fĂŒr die etische Vorgehensweise (vgl. Lohmeier 2017, 31). Emisch vs. etisch

Emisch vs. etisch?

Etische und emische Perspektive schließen sich nicht aus, vielmehr ergĂ€nzen sie sich wechselseitig. Jacobs und Helfrich-Hölter verweisen hierbei auf Berry: FĂŒr eine vergleichende etische Untersuchung zweier Kulturen mĂŒssen diese jeweils emisch analysiert werden. Laut seiner Auffassung folgen ForscherInnen am Anfang einer kulturvergleichenden Studie einem Konzept, das den Ursprung in der eigenen Kultur hat, also emisch ist (vgl. Jacobs 2000; Helfrich-Hölter 2013).

Aufgrund des imposed-etic-Ansatzes wird es auch zum etischen Konzept innerhalb der fremden Kultur, indem die Beobachtungen aus der einen auf die andere Kultur ĂŒbertragen werden. Durch eine Modifizierung kann auch ein emisches Konzept fĂŒr die fremde Kultur geschaffen werden, sodass in beiden Kulturen parallel emische Studien durchgefĂŒhrt werden. Weisen die untersuchten Konzepte Überschneidungen auf, ist ein interkultureller Vergleich möglich (vgl. Jacobs 2000, 132).

Ethnolinguistik als Forschungshintergrund

Welche Beziehung besteht zwischen Sprache und Kultur? Sprache ist tief in der Kultur und Gesellschaft einer Gemeinschaft verwurzelt und fĂŒr die Entwicklung und Weitergabe von Kultur von entscheidender Bedeutung. Sprache dient der Bewahrung und Vermittlung von Kultur und spiegelt kulturelle, soziale und ideologische Konzepte wider. Sie ist eng mit der Kultur verbunden, und die Kultur beeinflusst und formt die Sprache. Sprache spiegelt die Werte, Traditionen und Überzeugungen einer Gemeinschaft wider und kann auch kulturelle Werte und Überzeugungen widerspiegeln. DarĂŒber hinaus hat die Kultur einen tiefgreifenden Einfluss auf die Sprache, einschließlich der Grammatik, des Wortschatzes und der nonverbalen Kommunikation. DarĂŒber hinaus ist Mehrsprachigkeit wertvoll, kann aber auch die kulturelle IdentitĂ€t einschrĂ€nken, da Sprache Teil der kulturellen IdentitĂ€t ist und kulturelle IdentitĂ€t durch Sprache geformt wird. Die Hauptmerkmale der Beziehung zwischen Sprache und Kultur sind, dass Sprache fĂŒr die Entwicklung und Vermittlung von Kultur wesentlich ist, dass eine Sprache von einer bestimmten Kultur geprĂ€gt ist und mit dieser gleichgesetzt werden kann und dass Sprache dazu dient, Kultur zu bewahren und zu vermitteln. Beispielsweise reprĂ€sentiert die deutsche Sprache die deutsche Kultur, und der Schreibstil und der Wortschatz eines Menschen spiegeln seine kulturelle IdentitĂ€t wider. Durch Sprache konstruieren Sprecher ihre IdentitĂ€t in der sozialen Interaktion und kommunizieren diese ihren GesprĂ€chspartnern und der Außenwelt. DarĂŒber hinaus können kulturelle Unterschiede die Art und Weise beeinflussen, wie Wörter und AusdrĂŒcke verstanden werden, und das VerstĂ€ndnis der kulturellen Unterschiede zwischen der Zielsprache und der Muttersprache ist entscheidend fĂŒr eine effektive Kommunikation beim Erlernen einer Fremdsprache. DarĂŒber hinaus ist Mehrsprachigkeit in der internationalen Wirtschaft wichtig fĂŒr Handel, Politik, Wirtschaft, Tourismus, Werbung und andere Aspekte der sozioökonomischen Interaktion. Sprache und Kultur sind also eng miteinander verbunden, und die Beziehung zwischen Sprache und Kultur ist wichtig. DarĂŒber hinaus ermöglichen Sprachen die Erforschung unseres historischen GedĂ€chtnisses, und Sprache prĂ€gt unsere IdentitĂ€t und Kultur.

Sprache und Kultur sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Die Sprache, die ein Mensch spricht, spiegelt seine MentalitĂ€t und sein ideologisches Denken wider, und die Zugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft kann seine IdentitĂ€t einschrĂ€nken. Bei der Untersuchung des Einflusses von Sprache und Kultur ist es wichtig, ihre jeweilige Geschichte zu berĂŒcksichtigen, da sie Einblicke in die Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit durch die Sprachgemeinschaft geben kann. Auch der Spracherwerb wird von kulturellen EinflĂŒssen beeinflusst, wie z.B. im Tschechischen, das aufgrund der langen Zeit des engen Zusammenlebens viele deutsche EinflĂŒsse aufweist. DarĂŒber hinaus können Ähnlichkeiten zwischen Sprachfamilien den Spracherwerb erleichtern. Mehrsprachigkeit ist ein wichtiger Bestandteil einer vernetzten und globalisierten Welt und erleichtert Anpassung und VerĂ€nderung. Kulturelle Kompetenz ist notwendig, um in der globalen Arbeitswelt erfolgreich zu sein, und mehrsprachiges Aufwachsen ermöglicht den Zugang zu verschiedenen Kulturen, was zu einer Hybridisierung fĂŒhrt. Diese Verschmelzung von Kulturen stellt eine Bereicherung fĂŒr den Einzelnen und die Gesellschaft dar, und Sprache und Kultur haben einen großen Einfluss auf die kulturelle Kompetenz. Mehrsprachigkeit ist daher eine Bereicherung fĂŒr den Einzelnen und fĂŒr die Gesellschaft als Ganzes.

Die Beziehung zwischen Kultur und Sprache ist eines der komplexesten und vielschichtigsten Konzepte in der Linguistik. Diese Beziehung ist so vielschichtig, dass es manchmal schwierig ist, eine klare Unterscheidung zu treffen. Zu diesem Zweck ist es möglich, Sprache und Kultur in einem Beziehungsgeflecht zu untersuchen, das uns helfen kann, ihre gegenseitige AbhĂ€ngigkeit besser zu verstehen. Sprache ist ein Kommunikationsmittel zwischen Menschen und KulturtrĂ€gern. Sie dient der Bewahrung und Weitergabe von Kultur und ist gleichzeitig ein Mittel der Kommunikation, der Beschreibung und der Interpretation. Diese Beziehung zwischen Kultur und Sprache fĂŒhrt zur Frage der kulturellen IdentitĂ€t. Kulturelle Kompetenz ist eine wichtige FĂ€higkeit in der globalen Arbeitswelt, und das VerstĂ€ndnis kultureller Unterschiede ist von entscheidender Bedeutung. Dieses VerstĂ€ndnis kultureller Unterschiede fĂŒhrt zur Frage nach der Beziehung zwischen Sprache und IdentitĂ€t sowie zwischen Kultur und IdentitĂ€t. Es ist wichtig, diese Beziehungen zu verstehen, um die Beziehung zwischen Sprache und Kultur besser zu verstehen.

Wie schwer es ist, Kultur sprachlich zu fassen, wissen Übersetzer*innen. Das Übersetzen von BĂŒchern ist eine enorm anspruchsvolle Aufgabe. Die konkreten GrĂŒnde sind:

  • Kulturelle Nuancen: BĂŒcher enthalten oft kulturelle Anspielungen, Sprichwörter oder Verweise, die sich nur schwer direkt in eine andere Sprache ĂŒbertragen lassen. Übersetzer mĂŒssen sich bemĂŒhen, den Kontext und die Bedeutung fĂŒr die Leser in der Zielsprache zu erhalten.
  • Stil und Ton: Jeder Autor hat seinen eigenen Schreibstil, der so in die Zielsprache ĂŒbertragen werden muss, dass der Originalton des Buches erhalten bleibt. Dies erfordert ein tiefes VerstĂ€ndnis der Sprache und des Stils des Autors.
  • Wortspiele und Metaphern: Autoren verwenden oft Wortspiele, Metaphern oder kreative AusdrĂŒcke, die nicht wörtlich ĂŒbersetzt werden können. Hier mĂŒssen Übersetzer kreativ werden, um eine Ă€hnliche Wirkung in der Zielsprache zu erzielen.

 

Hier geht es zum Überblick aller Lexikonartikel


 

Literatur

Harris, Marvin (1976): History and Significance of the Emic/ Etic Distinction. In: Annual Review of Anthropology. 5. Aufl. New York: Columbia University, 329–350.

Helfrich-Hölter, Hede (2013): Kulturvergleichende Psychologie. Wiesbaden: Springer.

Jacobs, Gabriele (2000): Kulturelle Unterschiede der Gerechtigkeitswahrnehmung europĂ€ischer Manager: eine vergleichende Studie von Personalentscheidungen im Banksektor. MĂŒnster: LIT.

Lohmeier, Christine (2017): Zwischen „gone native“ und „eine von uns“: Reflexionen zu etischer und emischer Positionierung zum Forschungsfeld. In: Scheu, Andreas M. (Hrsg.): Auswertung qualitativer Daten: Strategien, Verfahren und Methoden der Interpretation nicht-standardisierter Daten in der Kommunikationswissenschaft. MĂŒnster: Springer, 29–39.

Pike, Kenneth (1967): Language in Relation to a Unified Theory of the Structure of Human Behavior. The Hague [u. a.]: Mouton.

WeiterfĂŒhrendes Lernmaterial: Interkulturell kompetent kommunizieren und handeln

Emisch vs. etisch – Emischer vs. etischer Ansatz | IKUD Glossar

 

Transkript zum ErklÀrfilm

Die Begriffe emisch und etisch beschreiben zwei gegensĂ€tzliche Forschungsperspektiven in den Sozialwissenschaften und der interkulturellen Forschung. Der emische Ansatz versucht, kulturelle PhĂ€nomene mit den Augen der Betroffenen zu betrachten. Beim etischen Ansatz nehmen die Forscherinnen und Forscher einen Standpunkt außerhalb der untersuchten Kultur ein. Werden beispielsweise Handlungen untersucht, indem die GrĂŒnde fĂŒr das Handeln von den Betroffenen selbst erklĂ€rt werden, wird aus der emischen Perspektive geforscht. Sind die GrĂŒnde fĂŒr die Handlungen den Betroffenen nicht bewusst, können sie aus der etischen Perspektive von außen untersucht werden. Emische und etische Forschungsperspektiven ergĂ€nzen sich also wechselseitig.

27. November 2017

Emisch vs. etisch

Die Begriffe emisch vs. etisch stammen ursprĂŒnglich aus der Ethnolinguistik. Sie beschreiben zwei gegensĂ€tzliche, wissenschaftlich-methodische Forschungsperspektiven. Auch in den Sozialwissenschaften und der kulturvergleichenden sowie interkulturellen Forschung können [
]