High Context CultureDer Begriff High Context Culture geht auf den eindimensionalen Kulturansatz des US-amerikanischen Anthropologen und Ethnologen Edward Twitchell Hall* zurück. Diesen stellte er 1976 in seinem Werk Beyond Culture vor. Darin bezieht sich Hall auf den starken und schwachen Kontextbezug der Kommunikation, mit besonderer Sicht auf die „Verständigung verschiedener Kulturen untereinander“ (Hall 1989, 105). Halls Konzeption der Kommunikation wurde von der kulturellen Anthropologie, Linguistik, Ethnologie und der freudianischen psychoanalytischen Theorie geprägt (vgl. Hall 1992).

Indirekte Kommunikation

High Context Culture steht für die indirekte Kommunikation (im Gegensatz zu Low Context Culture = direkte Kommunikation). In Kulturen, in denen die High Context-Kommunikation vorherrschend ist, benötigen die Sprecher vor allem Kontextinformationen über Individuen, um private oder geschäftliche Beziehungen aufnehmen zu können. Die Bekanntheit der zu kommunizierenden Themen wird vorausgesetzt und nicht direkt beim Namen genannt. Daher sind dem Sprecher nur wenig Details bekannt, da sich diese ansonsten störend auf die Kommunikation auswirken könnten. Das, was „nicht gesagt wurde, ist wichtiger oder ebenso wichtig, wie das, was gesagt wurde.“ (Hall 1989, 114) Metakommunikation ist in High Context Kulturen schwierig, weil sie als zu direkt wahrgenommen wird. Damit verlieren Kommunizierende ein wirksames Instrument, Konflikte zu klären. Das Mittel der Wahl ist dann die Metasensibilität.

Kulturen sind äuĂźerst komplex. Sie umfassen eine Vielzahl von Elementen wie Traditionen, Sprache, Werte, Normen, Bräuche, Kunst, Musik, Religion, Kleidung, Essen und vieles mehr. Kulturen sind oft das Ergebnis einer langen Entwicklung ĂĽber Generationen hinweg und variieren stark zwischen verschiedenen Regionen und Gemeinschaften. Die Vielfalt und Komplexität von Kulturen machen sie einerseits faszinierend und einzigartig – auf der anderen Seite erklärt sich daraus die Schwierigkeit, in einer High Context Culture angemessen zu kommunizieren.

Die Interpretation der zu vermittelten Nachricht ist stark kontextabhängig. Die Informationen werden nicht nur durch Worte, sondern auch durch Gesichtsausdruck, Körpersprache, besondere Umstände und Stimmlage zum Ausdruck gebracht. Ausschlaggebend für die Kommunikation ist besonders die Beziehung zwischen Sender und Empfänger (Alter, Geschlecht, Machtverhältnis), da die sprachlichen Mitteilungen nicht explizit ausgesprochen, sondern eher implizit gesagt werden (vgl. Hall 1989, 116). Für eine gelungene Kommunikation ist zu beachten, bestehende Konflikte zu lösen, da es nur wenig feste Regeln im Bereich dieser Kommunikation gibt. High Context Cultures sind z. B. Geschäftsbeziehungen, die insbesondere auf Vertrauen beruhen und sich dadurch nur langsam voran entwickeln.

Beispiele fĂĽr die High Context Culture in Bezug auf die Kulturen sind:

  • asiatische Länder: Japan, Korea, China
  • lateinamerikanische Länder: Brasilien, Argentinien
  • sĂĽdeuropäischen Länder: Spanien, Frankreich, Griechenland, TĂĽrkei

Beispiele für low context Kulturen hingegen sind die USA, Kanda, skandinavische Länder, Großbritannien oder auch Deutschland.

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Sprache

Das Problem der Kontextualität verschärft sich v.a. dann, wenn verschiedensprachige Akteure aufeinandertreffen. Denn: Sprach ist in höchstem MaĂźe kultur- und damit kontextaufgeladen. Ernst von Glasersfeld hat sich in einem Vortrag mit dem Titel „Zwischen den Sprachen“ dazu geäuĂźert. Kurz gefasst geht von Glasersfeld davon aus, dass es prinzipiell unmöglich ist, einen anderen Menschen genau so zu verstehen, wie der seine sprachlichen Ă„uĂźerungen gemeint hat. Wir können nur verstehen, was viabel ist, d.h., was zu uns und unseren Erfahrungen passt. Verstehen ist kein passives Aufnehmen, sondern ein aktiver Gestaltungsprozess. Das fĂĽhrt nicht selten zu Missverständnissen. Hierbei ist dann zuweilen die Rede von verlorenen und imaginierten Botschaften. Verloren ist, was nicht so ankommt, wie ich es gemeint habe. Imaginiert ist, was der andere versteht, obwohl es eben nicht so gemeint war.

Heinz von Foerster hat es einmmal radikal formuliert: „Der Hörer und nicht der Sprecher ist es, der die Bedeutung einer Aussage bestimmt.“ Warum ist das so – ist Sprache tatsächlich so unscharf, so missverständlich? Ludwig Wittgenstein, der österreichische Sprachphilosoph, hat Antworten auf diese Frage gefunden: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Diese Erkenntnis wird auch als die Gebrauchstheorie der Sprache bezeichnet. Ein Wort hat keine in ihm liegende Bedeutung, die unveränderlich wäre. Ein Wort ist kein Container, in dem ein bestimmter Wortsinn liegt, wenngleich diese Vorstellung weit verbreitet ist (vgl. Krippendorff, Der verschwundene Bote). „Sinn ist nicht, Sinn geschieht“, schreibt Helmut GeiĂźner, ein deutscher Sprechwissenschaftler und meint damit, dass Sinn ko-konstruiert wird, also eine soziale Handlung ist. Heinz von Foerster zum Wesen von Sprache: „Sprache ist nicht, Sprache geschieht.“ Sprache ist eben nicht nur ein Instrument.

Sprache und Sprechen sind eine Handlung und selbst schon ein Inhalt, nicht nur eine HĂĽlle. Sprache ist Sprache ist Sprache. Heinz von Foerster hat einmal von der „Autologik“ der Sprache geschrieben – wenn ich erklären möchte, was Sprache ist, muss ich Sprache verwenden, muss sprechen; wir laufen unserem Untersuchungsgegenstand also hinterher. Die Sprache ist uns immer einen Schritt voraus. Gleichwohl gibt es auch zahlreiche Situationen, in denen Sprache ziemlich klar ist, z.B. dann, wenn ich nach der Uhrzeit gefragt oder darum gebeten werde, jemandem etwas zu geben oder ein Fenster zu schlieĂźen. Unschärfe, Unsicherheit und Mehrdeutigkeiten gibt es aber auch hier, etwa durch die Art und Weise, wie etwas gesagt wird. 


*Edward Twitchell Hall Jr. war ein berĂĽhmter amerikanischer Anthropologe, der fĂĽr seine Arbeiten im Bereich der interkulturellen Kommunikation und der Anthropologie des Raumes bekannt ist. Der am 16. Mai 1914 geborene Hall war bekannt fĂĽr die Entwicklung von Konzepten wie der proxemischen Kommunikation, die die Untersuchung der Nutzung von Raum und Distanz in der zwischenmenschlichen Kommunikation umfasst.

Die Proxemik untersucht, wie Menschen in verschiedenen Kulturen und Kontexten ihren persönlichen Raum definieren, ihre Nähe zu anderen regulieren und welche Bedeutung sie bestimmten sozialen Interaktionen beimessen. Diese Konzepte umfassen Dinge wie intime Distanz (sehr nah, typisch für enge Beziehungen), persönlichen Raum (für Freunde und Familienmitglieder) und öffentlichen Raum (für formellere oder weniger vertraute Interaktionen). Das Studium der Proxemik hilft zu verstehen, wie Menschen nonverbale Signale interpretieren und auf sie reagieren, abhängig von der räumlichen Distanz zwischen ihnen und anderen Personen oder Objekten.

Seine Arbeiten, insbesondere sein Buch „The Hidden Dimension“ (1966), trugen dazu bei, das Bewusstsein fĂĽr die Bedeutung von Raum und Kultur in der menschlichen Kommunikation zu schärfen. Er prägte auch die Begriffe „high-context“ und „low-context“ Kulturen, um die Unterschiede in den Kommunikationsweisen verschiedener Gesellschaften zu beschreiben.

Halls Arbeit war wegweisend fĂĽr verschiedene Disziplinen wie Anthropologie, Soziologie und Kommunikationswissenschaft. Sein Fokus auf die Bedeutung kultureller Unterschiede bei der Interpretation von Raum und Kommunikation hat viele Forscher und Praktiker beeinflusst, insbesondere in den Bereichen interkulturelle Kommunikation und internationales Management.


Wozu es führen kann, wenn Nähe und Distanz (Proxemik, Verhalten im Raum) falsch eingeschätzt werden, wird an folgender wahrer Geschichte deutlich:

Reizwäsche?  (Indien)

Von diesem Vorfall erzählte mir eine Freundin, die im letzten Jahr durch Indien, Australien und Neuseeland gereist war. Der Vorfall ereignete sich in Indien.

Meine Bekannte machte damals Couchsurfing in Indien. Am besagten Tag schlief sie bei einem jungen Mann (etwa 24), der alleine in einer Wohnung wohnte.

Sie verstanden sich recht gut und sie machte sich keinerlei Sorgen, da er einerseits sehr nett zu ihr war und andererseits keinerlei romantische Annäherungsversuche unternahm.

Als sie allerdings abends ihren Schlafanzug angezogen hatte (eine lange Hose und ein langes Oberteil), wurde der junge Mann plötzlich sehr aufdringlich, versuchte, sie anzufassen und zu küssen. Meine Bekannte machte ihm mit Nachdruck klar, dass sie keinerlei Interesse an ihm habe. Sie wunderte sich sehr über sein Verhalten, da sie ihm das nicht zugetraut hätte.

Der junge Mann schien aus allen Wolken zu fallen und nachdem er sich wieder gesammelt hatte, erklärte er ihr, dass es in Indien vollkommen unüblich sei, sich vor einem Mann im Schlafanzug zu zeigen, es sei denn, man wolle mit ihm schlafen.

Quelle: https://www.amazon.de/Intercultural-stories-Menschliche-Begegnungen-lebensecht-ebook/dp/B084MM75KH

 

Hier geht es zum Überblick aller Lexikonartikel…

Literatur

Hall, Edward T. (1989): Beyond Culture. New York: Anchor Books.

https://en.wikipedia.org/wiki/High-context_and_low-context_cultures

 

Transkript zum Erklärfilm:

Die Einordnung einer Kultur als High Context Culture oder Low Context Culture ist abhängig davon, wie in dieser Kultur kommuniziert wird. High Context Culture steht für die indirekte Kommunikation. In High Context Cultures benötigen die Kommunikationsteilnehmenden Kontextinformationen: Die Informationen werden nicht nur durch Worte, sondern auch durch Gesichtsausdruck, Körpersprache und Stimmlage zum Ausdruck gebracht. Ausschlaggebend für die Kommunikation ist besonders die Beziehung zwischen Sprechenden und Hörenden, da die eigentlichen Botschaften nicht explizit ausgesprochen, sondern eher implizit gesagt werden. Low Context Cultures hingegen sind Kulturen, in denen tendenziell wenig Hintergrundinformationen benötigt werden, um angemessen kommunizieren zu können. Menschen, die sich weniger in dieser Sprache und Kultur auskennen, können diese leichter verstehen und zu Kommunikationszwecken zu nutzen. Allerdings sind Low Context Cultures dadurch auch weniger ökonomisch, da es länger dauert, Dinge auszudrücken.

27. November 2017

High Context Culture

Der Begriff High Context Culture geht auf den eindimensionalen Kulturansatz des US-amerikanischen Anthropologen und Ethnologen Edward Twitchell Hall* zurück. Diesen stellte er 1976 in seinem Werk […]