Flucht beschreibt das Fliehen aus einer als unangenehm oder bedrohlich empfundenen Lebenssituation, in der nach Schutz bzw. Zuflucht gesucht wird (vgl. Wahrig 2011, 534).
Genfer FlĂŒchtlingskonvention

Das Völkerrecht unterscheidet zwischen Menschen, die aufgrund definierter Ă€ußerer EinflĂŒsse zur Flucht gezwungen sind und Menschen, die aus eigenem Antrieb auf der Suche nach besseren Lebensperspektiven ihre Heimat verlassen. Laut Artikel 1A der Genfer FlĂŒchtlingskonvention gilt eine Person als FlĂŒchtling, die „aus der begrĂŒndeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, NationalitĂ€t, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet“ (UNHCR 2017, 2). In weit ĂŒber 120 Staaten wird diese Definition der Konvention als geltendes Völkerrecht anerkannt.

Krieg und Verfolgung

Menschen verlassen ihre Heimat aus den unterschiedlichsten GrĂŒnden. Als hauptsĂ€chliche Fluchtursache lassen sich hierbei Krieg und Verfolgung anfĂŒhren. Zumeist handelt es sich dabei um innerstaatliche BĂŒrgerkriege, bei denen machtpolitische Konflikte zwischen den Zentralregierungen und der bewaffneten Opposition oder rivalisierender Milizen gewaltsam ausgetragen werden. In den letzten Jahrzehnten sind weltweit Millionen von Menschen vor solchen Kriegen geflohen oder als ethnische Minderheit vertrieben worden. Diese Kriege unterscheiden sich von den klassischen Kriegen. Neue Kriege werden zwischen Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Staates gefĂŒhrt. Im Gegensatz zu Kriegen, bei denen die Überwindung der gegnerischen Armee verfolgt wird, richten sich Neue Kriege direkt gegen die Zivilbevölkerung. „Obwohl bei diesen [
] nur ein Staat betroffen ist, verursachen sie vielfach grenzĂŒberschreitende FlĂŒchtlingsströme“ (Heintze 1999, 59). Ein Beispiel fĂŒr KriegsflĂŒchtlinge in Deutschland sind syrische Familien, die vor dem BĂŒrgerkrieg in ihrem Heimatland geflohen sind. Viele von ihnen sind aus ihren HĂ€usern vertrieben worden und haben Familienangehörige oder Freunde durch die Gewalt verloren. Auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben sind sie nach Deutschland gekommen. Nach ihrer Ankunft durchlaufen sie in der Regel ein Asylverfahren, um den Status als anerkannte FlĂŒchtlinge zu erlangen. WĂ€hrend dieses Zeitraums werden sie in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht, wo sie medizinische Versorgung, Unterkunft und Verpflegung erhalten. Dort erhalten sie auch Informationen ĂŒber ihr Rechtssystem und die deutsche Kultur. Sobald ihr Asylantrag bewilligt wurde, werden sie in andere UnterkĂŒnfte wie GemeinschaftsunterkĂŒnfte oder Wohnungen verlegt. Dort haben sie die Möglichkeit, Deutsch zu lernen und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Viele Kinder werden in Schulen eingeschult und haben die Chance auf eine bessere Bildung. WĂ€hrend ihrer Zeit in Deutschland können KriegsflĂŒchtlinge auch staatliche UnterstĂŒtzung erhalten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese UnterstĂŒtzung soll ihnen helfen, sich eine stabile Existenz aufzubauen und sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Armut und Hunger als Fluchtursache

DarĂŒber hinaus gilt Armut, insbesondere Massenarmut, als strukturelle Ursache von Flucht. In diesem Zusammenhang spielt Hunger eine tragende Rolle. Obwohl weltweit genĂŒgen Lebensmittel vorhanden sind, um die Gesamtbevölkerung zu ernĂ€hren, sterben immer mehr Menschen an ernĂ€hrungsbedingten Krankheiten. Als ArmutsflĂŒchtlinge werden die Menschen bezeichnet, „die aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs von Staaten oder Regionen fliehen bzw. sich auf die Suche nach besseren Lebensbedingungen machen“ (Eid 1999, 70). In der Regel erfolgt die Flucht vor Armut mehrstufig. ZunĂ€chst verlassen die Menschen ihre angestammten Wohnsitze, die ihnen mangelnde oder keine Lebensmöglichkeiten mehr bieten. Anschließend ziehen sie in die nĂ€chstgelegene Stadt des eigenen Landes. Danach ziehen sie weiter in NachbarstĂ€dte, Nachbarstaaten und andere Regionen des SĂŒdens. Bieten sich keine lebenssichernden Perspektiven, suchen sie Zuflucht in den LĂ€ndern des Nordens, um nach Arbeit und finanziellem Auskommen zu suchen (vgl. Eid 1999, 70). Ein Beispiel fĂŒr Armuts- und HungerflĂŒchtlinge sind die Menschen, die aus lĂ€ndlichen Regionen in Afrika nach Europa fliehen. Aufgrund von Armut und der UnfĂ€higkeit, ihren Lebensunterhalt zu sichern, entscheiden sich viele Menschen in diesen Regionen dazu, ihre Heimat zu verlassen und in LĂ€nder zu ziehen, in denen sie bessere Lebensbedingungen und die Möglichkeit haben, sich und ihre Familien ausreichend zu ernĂ€hren.

Bevölkerungswachstum als Fluchtursache

Als weitere Fluchtursache lĂ€sst sich das weltweite Bevölkerungswachstum anfĂŒhren, das zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen fĂŒhrt. Auch wenn westliche Industriestaaten zum Teil eine höhere Bevölkerungsdichte aufweisen als einige EntwicklungslĂ€nder, stellt das Bevölkerungswachstum insbesondere EntwicklungslĂ€nder vor eine große Herausforderung. Diese besitzen im Vergleich zur Bevölkerungsdichte viel zu geringe Ressourcen, um menschenwĂŒrdig leben zu können (vgl. Eid 1999, 76). Ein starkes Bevölkerungswachstum kann eine Fluchtursache sein, da es zu einer Reihe von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen fĂŒhren kann:

  1. Mangelnde Ressourcen: Es kann zu einem Mangel an Ressourcen wie Nahrung, Wasser, Wohnraum und ArbeitsplĂ€tzen kommen. Wenn die Bevölkerung schneller wĂ€chst als die VerfĂŒgbarkeit solcher Ressourcen, kann es zu Konflikten und Spannungen kommen, die Menschen dazu zwingen, ihre HeimatlĂ€nder zu verlassen.
  2. Arbeitslosigkeit und Armut: Ein ĂŒbermĂ€ĂŸiger Bevölkerungszuwachs kann zu einer hohen Arbeitslosenquote und zunehmender Armut fĂŒhren. Die Nachfrage nach ArbeitsplĂ€tzen ĂŒbersteigt oft das Angebot, was die Möglichkeit der Menschen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, beeintrĂ€chtigt. Dies kann zu sozialen Spannungen und Unruhen fĂŒhren, die wiederum dazu fĂŒhren können, dass Menschen fliehen.
  3. Politische InstabilitĂ€t: In LĂ€ndern mit einem starken Bevölkerungswachstum besteht oft eine hohe politische InstabilitĂ€t. Regierungen können mit der BewĂ€ltigung der BedĂŒrfnisse einer schnell wachsenden Bevölkerung ĂŒberfordert sein und Schwierigkeiten haben, angemessene Dienstleistungen und Infrastruktur bereitzustellen. Dies kann zu politischen Unruhen, Konflikten und BĂŒrgerkriegen fĂŒhren, die Menschen zwingen, ihre HeimatlĂ€nder zu verlassen.
  4. UmweltverĂ€nderungen: Auch die Umwelt wird durch eine zu schnell ansteigende Bevölkerung belastet. Eine erhöhte Nachfrage nach landwirtschaftlichen FlĂ€chen, Ressourcenabbau und urbaner Expansion kann zu Entwaldung, Bodendegradation und Umweltzerstörung fĂŒhren. Diese UmweltverĂ€nderungen können zu Nahrungsmittelknappheit, Wassermangel und Naturkatastrophen fĂŒhren, die eine Flucht verursachen können.
Verletzung der Menschenrechte

Zu den universell geltenden Menschenrechten gehört das Recht auf Achtung des Lebens, das Verbot von Leibeigenschaft, Sklaverei und Folter, der Schutz vor willkĂŒrlichem Freiheitsentzug und das Verbot der Diskriminierung aus rassischen sowie religiösen GrĂŒnden (vgl. Maier-Borst 1999, 97). Eine Verletzung dieser Menschenrechte bringt Menschen hĂ€ufig dazu, Sicherheit in anderen Gebieten zu suchen.

UmweltflĂŒchtlinge

Neben Krieg und Verfolgung, Hunger und Armut sowie Menschenrechtsverletzungen gelten auch Umweltzerstörungen als Ursache von Flucht. ÜbermĂ€ĂŸige Umweltverschmutzungen können dazu fĂŒhren, dass betroffene Gebiete unbewirtschaftbar oder sogar unbewohnbar werden. Die heute weitgehend verlassene Umgebung des Kernreaktors im ukrainischen Tschernobyl ist das bekannteste Beispiel. Aber auch PestizidrĂŒckstĂ€nde oder die Deposition von Schadstoffen können ein Land unbewohnbar machen. Weitaus mehr UmweltflĂŒchtlinge schafft die schleichende Degradation der Umwelt, welche mit einer Verhinderung der Nutzung von Naturressourcen einhergeht. Auch von Menschen verursachte Naturkatastrophen wie der Klimawandel können dazu fĂŒhren, dass Gebiete unbewohnbar werden, sodass eine Flucht oftmals die einzige Lösung darstellt (vgl. Biermann 1999, 87 ff.). Langfristige VerĂ€nderungen des Klimas, wie steigende Temperaturen, zunehmende DĂŒrren, Überschwemmungen oder verstĂ€rkte StĂŒrme können GrĂŒnde fĂŒr eine Flucht hinsichtlich der Umwelt sein. Es kann aber auch auf kurzfristige Ereignisse wie Naturkatastrophen, wie beispielsweise Hurrikane oder Erdbeben, zurĂŒckzufĂŒhren sein, die durch den Klimawandel verstĂ€rkt werden. Es wird geschĂ€tzt, dass die Anzahl der KlimaflĂŒchtlinge in den kommenden Jahren erheblich ansteigen wird. Laut einem Bericht des Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) waren im Jahr 2020 rund 30,7 Millionen Menschen weltweit aufgrund von UmweltverĂ€nderungen und Naturkatastrophen vertrieben.

 

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Literatur

Biermann, Frank (1999): Stirbt die Natur, flieht der Mensch. Umweltzerstörung als Fluchtursache. In: Hutter, Franz-Joseph/ Mihr, Anja/ Tessmar, Carsten (Hrsg.): Menschen auf der Flucht. Opladen: Leske + Budrich, 87–95.

Eid, Uschi (1999): Armut, Hunger, Überbevölkerung. In: Hutter, Franz-Joseph/ Mihr, Anja/ Tessmar, Carsten (Hrsg.): Menschen auf der Flucht. Opladen: Leske + Budrich, 69–86.

Heintze, Hans-Joachim (1999): Kriege, Flucht Vertreibung. In: Hutter, Franz-Joseph/ Mihr, Anja/ Tessmar, Carsten (Hrsg.): Menschen auf der Flucht. Opladen: Leske + Budrich, 59–68.

Maier-Borst, Michael (1999): Menschenrechtsverletzungen als Fluchtursache. In: Hutter, Franz- Joseph/ Mihr, Anja/ Tessmar, Carsten (Hrsg.): Menschen auf der Flucht. Opladen: Leske + Budrich, 97–112.

UNHCR (2017): Abkommen ĂŒber die Rechtsstellung der FlĂŒchtlinge von 1951. Protokoll ĂŒber die Rechtsstellung der FlĂŒchtlinge vom 31. Januar 1967: https://www.uno- fluechtlingshilfe.de/uploads/media/GFK_Pocket_2015_01.pdf [26.03.2020].

Wahrig, Gerhard (2011): Wahrig Deutsches Wörterbuch. 9. Aufl. GĂŒtersloh/ MĂŒnchen: Wissen Media.

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Flucht | bpb.de

 

Eine wahre interkulturelle Begebenheit wird in dem Buch Intercultural stories: Menschliche Begegnungen aus aller Welt – lustig, lehrreich, lebensecht von Benjamin Haag geschildert:

GefÀhrliche Dunkelheit

Eine Studentin aus Mexiko machte ein Auslandssemester in MĂŒnster. Eines Abends schlugen wir vor, zu Freunden zu fahren. Sie willigte ein. Da MĂŒnster eine Fahrradstadt ist, besorgten wir ihr kurzerhand einen Drahtesel.

Als wir losfahren wollten, war es bereits dunkel. Wir gingen nach draußen und zeigten ihr ihr Fahrrad, doch plötzlich verkĂŒndete die Austauschstudentin voller Panik, dass sie nicht auf dieses Rad steigen wĂŒrde. Sie fing an zu weinen und verweigerte die Fahrradfahrt komplett.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sie panische Angst davor hatte, in der Dunkelheit Fahrrad zu fahren. In Mexiko ist es extrem gefĂ€hrlich, in der Dunkelheit rauszugehen, weil die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, ĂŒberfallen zu werden.

26. MĂ€rz 2020

Flucht

Flucht beschreibt das Fliehen aus einer als unangenehm oder bedrohlich empfundenen Lebenssituation, in der nach Schutz bzw. Zuflucht gesucht wird (vgl. Wahrig 2011, 534). Genfer FlĂŒchtlingskonvention [
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